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Die Lateinschule aus Otterndorf und der Übersetzer der Odyssee |
Das Fachwerkhaus, in dem er vier Jahre lebte, ist nach heutigen Maßstäben "recht nett", gibt aber nicht
viel her. Die alte Lateinschule zu Otterndorf an der Nordsee, ebenfalls aus Fachwerk, gibt sich da schon gravitätischer. Über beide
Gebäude würde man nicht viel zu berichten haben, wenn hier nicht ein Mann gewirkt hätte, von dem alle humanistisch Gebildeten
mit Hochachtung sprechen.
Vier Jahre lebte Johann Heinrich Voß in Otterndorf - vier Jahre, von denen die örtlichen Touristikfachleute noch heute
zehren. Dabei ist die Geschichte des Übersetzers von Homers Odyssee fast 225 Jahre her. Sei's drum: Einem Mann, der selbst Goethe
imponierte, darf das eine oder andere "Denkmal" gesetzt werden. Das Größte ist ein Gebäude, das es bereits vor der Zeit des
berühmten Übersetzers gab. Durch ihn erhielt es allerdings den ortsgeschichtlichen Reiz. |
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In der 1614 erbauten Lateinschule (Foto) verdiente Voß nämlich seinen Lebensunterhalt - und erfüllte damit das Versprechen, das
er seiner Schwiegermutter gegeben hatte: Er wollte einen "Brotberuf" ergreifen, nachdem er sich jahrelang als Hauslehrer und Redakteur des
"Musenalmanachs" über Wasser gehalten hatte. Und so nahm er 1778 die Stelle des Rektors an der Schule in Otterndorf an.
In drei Klassen lernten die Kinder der Bauern und des Bürgertums, was sie für das spätere Studium brauchten. Voß wusste
seine Lehrstätte zu schätzen, wie aus einem Brief (1778) nach einem ersten Besuch in dem damals 1500 Seelen zählenden
Städtchen hervorgeht: "Das Haus liegt sehr bequem, hinten ein schöner schattichter Garten mit einer Laub, woraus ich über die
Medem (einem kleinen schiffbaren Fluß) ins Freie hineinsehe; aber es muß noch ziemlich viel darin gebaut werden." Und gebaut bzw.
renoviert hat man seitdem wohl eine ganze Menge. Zuletzt wurde die Lateinschule 1994/95 von Grund auf saniert; heute hat hier übrigens
das Kirchenbüro ein Zuhause gefunden. In den oberen Räumen befinden sich Wohnungen. Dass Voß ein Denkmal nahe an seinem
damaligen Wohnhaus (Foto) bekam, versteht sich ob der Bedeutung seines Geisteswerks von selbst, obwohl heute nur ein oder zwei Bewohner des
Ortes des Altgriechischen einigermaßen mächtig sind. Die Dame vom Fremdenverkehrsbüro ist es jedenfalls nicht. |
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Doch zurück zum berühmten "Übergangs-Bewohner". Den eigentlichen Clou seiner Wirkungsstätte verschweigt Voß dem
Adressaten seines Briefes ebenso wie die Bauart. Die beiden oberen Geschosse des klassizistischen Fachwerkbaus ragen hervor. Und das hatte
klare finanzielle Vorteile. Durch diese Bauweise konnte die Wohnfläche oben nämlich vergrößert werden, denn Steuern
wurden damals lediglich nach dem bebauten Grund und Boden bezahlt.
Was der berühmte Übersetzer damals außerdem als nicht erwähnenswert - weil nicht ungewöhnlich genug - hielt, werden
die Besucher Otterndorfs vielleicht in ihr Reisetagebuch eintragen: Da wären zum Beispiel die wunderbaren klassizistischen Türen des
Backsteinbaus oder die Fenster mit ihren winzigen Scheiben. Voß jedenfalls hielt es nur vier Jahre in Otterndorf. Allerdings ist das
schmucke Fachwerkhaus, in dem er ein- und ausging, natürlich nicht der Grund für seinen Wegzug. Es war die Gesundheit. Das feuchte
Klima an der Niederelbe machte ihm zu schaffen, der Schuldienst belastete ihn. Die drei Söhne und seine Ehefrau waren an dem grassierenden
Marschenfieber (Malaria) erkrankt. Ein Jahr, nachdem Voß die Odyssee im Selbstverlag herausgegeben hatte, verließ er Otterndorf.
Dort aber wurde er nie vergessen.
Vielleicht hat Goethe den Otterndorfern aus dem Herzen gesprochen: "Ein Mann wie Voß wird übrigens so schnell nicht wiederkommen.
Es haben wenig andere auf die höhere deutsche Kultur einen solchen Einfluß gehabt wie er", soll der große Dichter des
berühmten Werks "Faust" in einem Gespräch zu seinem Freund Eckermann gesagt haben. |
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