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Das Durchgangs-Rathaus über dem Tor der Stadtmauer |
Der Marktflecken Oberursel, zwischen Rheingau und Taunus gelegen, erhielt 1444 Stadtrechte. Oberursel
entwickelte sich immer schneller und das Städtchen, damals wie üblich von einer massiven und dicken Stadtmauer
umrundet, mußte sich vergrößern. Es entstand der neue Stadtteil "Tal" und die Stadtmauer wurde nun erweitert, denn auch die
"Talbewohner" hatten natürlich ein Anrecht darauf, geschützt hinter dicken Mauern leben zu dürfen.
Teile der alten Stadtmauer waren damit überflüssig. Insbesondere das frühere "Untertor", ein Tor in dem nun überflüssigen Teil der
Stadtmauer, stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Was tun, sprach nicht Zeus, sondern der damalige Magistrat. Und da man keine
Bürgeriniativen kannte, die für oder gegen etwas sind, und da auch die Statik noch nicht entdeckt war und auch keine baugesetzlichen
Auflagen des Landes Hessen zu berücksichtigt werden mußten, baute man einfach das Rathaus über dem alten Stadttor. Die Frage, ob denn
dieser Unterbau die Last des neuen Gebäudes zu tragen imstande wäre, entschieden die örtlichen Zimmerleute nach der bewährten Rechenmethode
"pi mal Daumen". Haha - und siehe da, das Rathaus aus kräftigem Fachwerk steht heute noch da.
Zwar wurde das Rathaus zweimal niedergebrannt, und zwar im 30-jährigen Krieg. Aber die Oberurseler sind zwar einerseits leutselige
Menschen und dem nahen Rheingauer Wein zugetan, aber doch von großer Hartnäckigkeit, wenn es um ihre Stadt geht.
"Des baue mer wedder uff!", werden sie auf hessisch gesagt haben - und ab 1659 wurde das Rathaus tatsächlich wieder aufgebaut,
1663 die Innengestaltung fertiggestellt. Und so konnte der Rat wieder in seinem Rathaus tagen und die Bürger konnten sozusagen
gleichzeitig durch das Rathaus durchspazieren. Da man auch damals in Oberursel Gesetzesbrecher inhaftieren mußte, wurde im
massiven Sockelgeschoß gleich unter der Treppe zum Ratssaal eine Arrestzelle eingerichtet - die sogenannte "Betzelkammer",
Platz bietend für zwanzig Mann. Der Strafvollzug war damals eben etwas weniger sozial als heute und wer Menschen um die
Ecke gebracht hatte, der wurde geköpft oder aufgehängt, da der Begriff der Resozialisierung noch nicht erfunden war.
1702 wurde das Rathaus mit einer Sonnenuhr versehen, der man 1933/34 eine Inschrift verpaßte. Gottlob wurde Oberursel nicht als
kriegswichtiges Zielgebiet ausgemacht, die Innenstadt mit ihren schönen Fachwerkbauten blieb verschont von den alliierten Bombern,
die ja im 2. Weltkrieg viele Städte Deutschlands verwüstetet haben. Nach einer 1980 erfolgten Renovierung wurde der Sitzungssaal
mit seinen schönen Wandvertäfelungen den Bürgern für besondere Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. Und trauen lassen kann man
sich in dem Ratsherrensaal ebenfalls...auch wenn man kein Oberurseler ist und sich bis zuletzt die Möglichkeit offenhalten will,
vor dem Ja-Wort doch noch davonzulaufen. Das jederzeit offene Stadttor im Erdgeschoß bietet sich für Fluchtzwecke geradezu an.
Fotos: www.oberursel.de
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