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Weitere Beiträge finden Sie in folgender Rubrik: Historische Fachwerkbauten (nicht nur) in Deutschland

Vom Aussterben bedroht: Fachwerkdörfer in Niedersachsen


Die Alterspyramide verkommt immer mehr zum Wasserkopf, was bedeutet, dass die Zahl der Alten im Verhältnis zu den Jungen überproportional zugenommen hat. Dieses Problem schlägt vor allem bei kleinen Dörfern zu Buche, denn die wenigen jungen Menschen verlassen so schnell wie möglich ihr Heimatdorf und versuchen ihr Glück in der Stadt. Die Folge sind leerstehende Häuser, in die keiner mehr einziehen möchte – sollte das Haus auch noch so schön und z.B. ein altes Fachwerkhaus sein.

In Südniedersachsen gibt es zahlreiche solcher idyllischen Fachwerkdörfer, die alle zu Geisterdörfern zu werden drohen. In der Gemeinde Adelebsen soll z.B. die Bevölker­ung in den nächsten 15 Jahren um ganze neun Prozent schrumpfen, haben Statistiker ausgerechnet. Das sind 600 Einwohner weniger und jede Menge Leerstand. Doch das ist wie in einem leeren Restaurant – wer möchte dort schon essen? Sollte es anderer­seits nur noch einen freien Tisch geben, „kloppen“ sich fünf Paare um den letzten Platz – man könnte ja etwas verpassen. Ähnlich ist es in den Dörfern, zu viele leerstehende Häuser ziehen keine Käufer an. Eher werden mögliche Käufer abges­chreckt – denn wer möchte schon allein auf weiter Flur leben. Steht aber nur ein Haus frei, wollen plötzlich alle dort einziehen. Schließlich muss es dort schön sein, wenn alle anderen dort auch wohnen wollen.

Zurück zum Flecken Adelebsen – der sich wirklich Flecken nennt. Für alle nicht Norddeutsche – das ist so ähnlich wie in Bayern das „Markt“ vor einem Ortsnamen. Beides bezeichnet einen Ort, der für die umliegenden Dörfer eine Art Mittelpunkt darstellt. Dazu besitzt ein Flecken bestimmte städtische Privilegien wie das Marktrecht. Dieser Flecken Adelebsen hat einiges zu bieten. So wird der schmale Burgberg durch einen mächtigen Wohn- und Wehrturm aus dem 13. Jahrhundert dominiert. Das findet man in ganz Europa kaum noch einmal. Trotzdem stehen in dem schmucken Fach­werk­dorf derzeit 25 Wohneinheiten (Stand 08/10) leer. Nun macht auch noch das Sägewerk mit 200 Arbeitsplätzen dicht – weitere Einwohner werden das Dorf ver­lassen. Bis 2020 werden 550 leer stehende Wohnungen und Häuser befürchtet. Es drohen ein Geisterort und der Verlust geschichtsträchtiger Fachwerksubstanz, wenn keine Gegenmaßnahmen eingeläutet werden, die das Abwandern der Dorfbewohner verhindern.

Das historische Fachwerkdorf Hemeln, nur wenige Kilometer von Adelebsen entfernt, hat diesen Umkehrschwung geschafft. Auch hier drohte alles zu „veröden“. Auf Initiative des Architekten Walter Henckel wurde ein Kultur- und Naturförderverein gegründet, der sich u.a. auch den Erhalt der alten Häuser zur Aufgabe gemacht hat. Das älteste Haus des Dorfes stammt immerhin aus dem Jahr 1553. Darüber hinaus hat der Verein Geschichten ausgegraben – wie die vom Eisernen Kanzler Otto von Bis­marck. Der soll im Fachwerkhaus der Weserstraße 2 während seiner Studentenzeit eifrig gezecht haben. Trinkfest war er bekanntlich, und es hat ihn auch nicht davon abgehalten, seine Studien der Rechte in Göttingen relativ schnell abzuschließen – er studierte dort von 1832 bis 1833. Vielleicht sind es solche Anekdoten, die das Dorf für junge Familien interessant machen. Jedenfalls konnten die Nachbarn für die verbor­genen Werte der alten Fachwerkhäuser sensibilisiert werden. Und auch junge Familien ziehen wieder gerne nach Hemeln, weil das Dorf so schön ist und das Dorf­leben passt. Wenn es nur überall so wäre, dann würden unpersönlich Betonklötze - wie in fast allen Städten zu bewundern - vielleicht bald verschwinden. Denn was gibt es Schöneres als in einem schmucken Fachwerkhaus zu wohnen und nette Nachbarn zu haben.

Foto oben: Adelebsen, Foto von www.adelebsen.de
Foto unten: Hemeln, Foto von JeLuF
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 11.02.2012
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