Die Fachwerkbauweise hat auch in Russland eine über mehrere Jahrhunderte zurückreichende Geschichte. Die ältesten nachgewiesenen, allerdings heute verlorenen Fachwerkbauten existierten im 17. Jahrhundert in Ingermanland – der nordwestlichen Provinz im Umkreis von St. Petersburg – und in der sog. Ausländischen Vorstadt Moskaus. Bis zum 19. Jahrhundert war das Fachwerk in den Höfen von Adligen in Großrussland, Weißrussland und Kleinrussland und in den deutschen Siedlungen in Neurussland, im Baltikum und Wolgagebiet verbreitet. Im letzten Jahrhundert dann, in der Zeit der Sowjetunion, ging die Tradition des Fachwerkbaus unter.
In der russischen Literatur und Wissenschaft ist der Gebrauch des Terminus "Fachwerk" in der Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals nachweisbar. Daneben verwendete man für diese Bauweise auch andere Begriffe wie "osstowotschnaja posstroika", "klettschataja posstroika", "prusski budanok" ("das Fachwerkhaus"); "reschjotka", "osstow" ("die Fachwerkkonstruktion"). Das verputzte Fachwerk des Petersburgs der Barockperiode aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts hieß "masanka". Außerdem nannte man das im Westen des Zarenreichs verbreitete Fachwerk mit Backsteinausfachungen "prusski mur". Man muss nicht Russisch können, um zu verstehen, dass „prusski“ für „preußisch“ steht.
Die Orte in Russland, in denen einst eine Fachwerkbebauung existierte, sind Moskau, Sankt Petersburg und Wolgadeutschland. Gegenwärtige Fachwerk-Sehenswürdigkeiten befinden sich in Samara, Halbstadt, in den kaukasischen Mineralwässer-Badeorten, in Polenowo, Gorai, Galitsch und in mehreren Siedlungen im Gebiet von Kaliningrad. Einzelne Fachwerkbauten standen früher in Beschiza (jetzt Stadtteil von Brjansk) und Jekaterinburg.
Geschichte und Bebauung der Ausländischen Vorstadt Moskaus
Die sog. Ausländische Vorstadt lag im Nordosten von Moskau, auf dem rechten Ufer des Flusses Jausa, nahe am Bach Kukui. Die Vorstadt entstand in der Mitte des 16. Jahrhunderts, in der Zeit des Großfürsten Basilius III. Rurikid und wurde von Flüchtlingen aus Livland sowie von Kaufleuten, Handwerkern, Müllern, Ärzten, Apothekern, Gelehrten und Militärs aus Westeuropa besiedelt. Zar Boris Godunow verlieh der Bevölkerung der Ausländischen Vorstadt verschiedene Privilegien. Zweimal ist die Vorstadt zerstört und wieder erbaut worden: 1571 verbrannte der Khan der Krim Devlet I. Giray die Siedlung und 1611 verheerte sie der Usurpator Pseudo-Demetrius II. Nach der letzten Zerstörung hieß die Vorstadt dann offiziell Neuausländische Vorstadt ("Nowoinosemskaja Sloboda").
Bis in die 70er Jahren des 17. Jahrhunderts bestand die Bebauung der Ausländischen Vorstadt aus Blockhäusern. Gemäß dem polnischem Pan Stanislaw Niemojewski waren die Häuser in der Vorstadt in einer für Moskau typischen Blockbauweise gebaut. Seit dem Ende der 1670er Jahre wandelte sich das Aussehen der Vorstadt hin zum Bild westeuropäischer Städtchen. Reisende berichteten von den nach deutschen Mustern errichteten Fachwerkhäusern und deren Erbauern: "Sie bewahrten ... die Ordnung deutscher Städte beim Erbauen und Umbauen ihrer Häuser, die sie schön und sparsam errichteten", schrieb B.-L. Tanner über die Deutschen Moskaus. Dieses „Moskauer Paradies“ an der Jausa unterschied sich vollständig von den Vorstädten der Umgebung. Die Blumengärten vor den Häusern, die Uferallee, die Brunnen machten starken Eindruck auf die Moskauer und die vielfarbigen Fachwerkhäuser (siehe Foto) entzückten die durch Russland reisenden Westeuropäer. Ein erneuter Brand der Moskauer Ausländischen Vorstadt zerstörte 1812 die Fachwerkbauten. Danach wurde die Vorstadt von russischen Kaufleuten und Kleinbürgern besiedelt. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging schließlich auch die einstige Namen dieser Vorstadt verloren.
Die Fachwerkbauweise ist ein wesentliches Zeugnis der Modernisierung Russlands durch den Zuzug westeuropäischer Emigranten hauptsächlich des 18. Jahrhunderts. Noch erhaltene Reste alter Fachwerkobjekte bedürfen daher großer Aufmerksamkeit von Denkmalpflege und Bauforschung. Insbesondere sind die bewahrten Fachwerkhäuser im Gebiet Kaliningrad zu schützen und zu sanieren.
Text und Foto: Denis S. Gawrikow ©