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Fenster und Klappläden in Fachwerkgebäuden


Es gibt vier Dinge, mit denen man ein Fachwerkhaus garantiert verschandeln kann: Schlecht verputzte oder

schlecht ausgemauerte Ausfachungen

,

kitschige Anstriche

, Haustüren von der Stange (insbesondere solche aus eloxiertem Aluminium) und schließlich Fenster, die bezüglich Stil und Größe nicht passen.

Um Ihnen, lieber User, zu zeigen, wie Sie es auf keinen Fall machen sollten (und als echter Fachwerk-Liebhaber auch sicherlich nicht machen werden), wollen wir Ihnen gleich einige abschreckende Beispiele zeigen, ehe wir uns zur Erholung den musterhaften Fensterlösungen zuwenden und auch einen kleinen Rückblick in die Geschichte des Fensterbaus und der Verglasung machen.
Blendrahmen Abschreckendes Beispiel
Der Blendrahmen sollte nie die Balken überlappen Abschreckendes Beispiel für Fensterbau-Flickwerk
Die bunten Geranien dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß auf dem linken Foto ein

schwerer Stilbruch

deutlich wird. Der Blendrahmen eines Fensters darf n i e (und schon gar nicht in dieser Breite) das Fachwerk überlappen, vielmehr muß er sauber in das Fachwerk eingepaßt werden. Das ist aufwendig und meistens ist Maßarbeit nötig. Außerdem ist das

Abdichten und Verleisten der Fugen

Präzisionsarbeit. Das kann man sich natürlich sparen, wenn man ein 08/15 Fenster einfach in die Ausfachung knallt.

Beim Foto rechts bedauert der Betrachter, daß der Hausbesitzer am falschen Ende gespart hat. Ein

Sprossenfenster mit Oberlicht

ist durchaus fachwerkhaus-typisch - dann darf es aber nicht "eingepaßt" werden nach der Methode "Etwaige noch vorhandene Lücken werden mit andersfarbigen Ziegeln ausgemauert." Daß das gesamte Fachwerk dringend saniert werden muß, steht auf einem anderen Blatt.
mit ockerfarbigen Blendrahmen Rolladen sind problematisch
Besonders schlechtes Beispiel -
Und dann noch mit ockerfarbigen Blendrahmen
Rolladen sind problematisch -
dieser schräg eingesezte Rolladenkasten ganz besonders
Problemfall bei stark verbogenem Fachwerk-Gerippe Montagefehler des Fensterbauers
Problemfall bei stark verbogenem Fachwerk-Gerippe Montagefehler des Fensterbauers,
ohne Schaum wär's richtig
Man darf natürlich nicht übersehen, daß bei stark verbogenem und verwundenem Fachwerk-Gerippe das Anfertigen und Einsetzes eines Fensters nicht einfach ist. Und bei dem Foto oben links kann man auch verstehen, daß der Hausbesitzer wenigstens das

Fenster in der Waage- und Lotrechten

haben wollte. Durch die massige Konstruktion des Fensterrahmens wird freilich die ungünstige Optik noch verstärkt.

Ein

Holzfenster

paßt erstklassig zu einem Fachwerkhaus - aber Montageschaum, wie er beim Akkord-Fenstereinbau in Mietshäusern durchaus praktikabel ist, hat hier nichts zu suchen (Bild oben rechts). Das hermetische Abdichten der Fugen zwischen Fachwerkholz und Fensterholz begünstigt ein Vermodern bzw. Pilzbefall, wenn Feuchtigkeit in die Fugen dringt. Ein Abdichten mit natürlichen Materialien wäre richtig.

Wobei wir uns, liebe User, ein wenig rückwärts bewegen und uns einmal ansehen wollen, wie es denn unsere Vorfahren mit den Fenstern hielten - und wie sie ihre guten Stuben vor nachbarlichem Einblick geschützt haben. Hierbei werden Ihnen wahrscheinlich die Fensterläden bzw. Klappläden einfallen - doch weit gefehlt, diese setzten sich in Deutschland erst ab etwa 1870 durch.

Auf allen alten Abbildungen von Fachwerkhäusern sieht man nämlich keine Fensterläden, was jedoch n i c h t heißen soll, daß diese zum Fachwerkhaus nicht passen. Unsere Vorfahren brauchten keine Fensterläden, denn die Fenster mit in Blei gefaßtem Antikglas waren praktisch undurchsichtig. Das mundgeblasene Antikglas erinnert stark an den Boden einer Glasflasche - und genauso durchsichtig bzw. undurchsichtig ist es auch.
Antikverglasung von 1860 Antikverglasung in einem Fachwerkhaus
Antikverglasung von 1860
(Anbau auf Burg Cochem)
Antikverglasung in einem
restaurierten Fachwerkhaus
Die Fenster wurden häufig nach außen geöffnet, die Fensterrahmen schlossen also bündig mit der Außenwand ab. Das machte Sinn, denn bei Wind oder gar Sturm wurden die Fenster schön fest an den Holm bzw. an den Rahmen gepreßt und waren somit einigermaßen winddicht. Daß man vor solche Fenster nur mit Mühen Läden montieren konnte, versteht sich von selbst.

Sprossenfenster

wurden schon von unseren Vorfahren eingebaut, sie sind bis heute die einzig richtige, weil

stilechte Fensterbauweise

für Fachwerkhäuser.
Fachwerkhaus um 1890 Fenster bündig zur Fassade
Das linke, obere Foto zeigt ein Fachwerkhaus um 1890, links neben der Haustür ist schon ein Fensterladen über die beiden unteren Fenster montiert worden. Alle anderen Fenster sind "ladenlos" und öffnen sich, wie man gut sehen kann, nach außen. Der bündige Abschluß mit der Fassaden-Außenseite machte und macht Sinn: Die

Leibungen

sind nicht dem Regen ausgesetzt, das Fachwerk ist also geschützt. Dies wurde auch bei der Sanierung der

Fachwerksubstanz in Hannoversch-Münden

(und anderswo) beachtet. Auch hier sind die Fenster(siehe Foto rechts) bündig zur Fassade gesetzt.

Als das Flachglas (also unser heutiges Fensterglas) durch industrielle Produktion das Antikglas verdrängte, wurden die Scheiben natürlich durchsichtig - und die Fenster wurden zurückgesetzt. Die Rahmen wurden nun in die Mitte der Ausfachungen oder bündig zur Innenwand gesetzt, wodurch dann der Klapp- bzw. Fensterladen außen vorgesetzt werden konnte. Der brachte Sichtschutz, Windschutz und Einbruchschutz mit sich und wurde ab etwa 1880 nach und nach Standard in Deutschland, ehe er von den Rolläden verdrängt wurde.

Inzwischen erleben die

Fensterläden

eine Renaissance, vielleicht auch deshalb, weil die deutschen Urlauber aus den südeuropäischen Ländern die Erkenntnis mitgebracht haben, daß die dort allenthalben verbreiteten Fensterläden doch eine sehr praktische Sache sind.

Es muß allerdings noch einmal darauf hingewiesen werden, daß ein

Versetzen des Fensterrahmens

nach innen auch Risiken mit sich bringt. Das Gebälk, besonders der untere Balken, auf dem die Fensterzargen aufsitzen, ist dem Regen ausgesetzt; hier kann sich Wasser sammeln. Es sei denn, die Fassade wird aufgrund eines gelungenen konstruktiven Holzschutzes (sprich vorspringendes Dach) vor Regen geschützt.

Puristen bestehen darauf, daß in einem

Fachwerkhaus nur Holzfenster

eingebaut werden sollten. Soweit will denn die Redaktion von "fachwerkhaus.de" nun doch nicht gehen. Alte Fachwerksubstanz kann sehr wohl mit modernen Baustoffen kombiniert werden, wie es die Architekten unserer Tage oft genug gezeigt haben. Kunststoff-Fenster in einem Fachwerkhaus sind nur dann ein Stilbruch, wenn der Stil nicht stimmt.
Jalousie-Läden mit Fenstern und Klappläden
Jalousie-Läden aus einem
Lehrbuch für Tischler von 1874
Hervorragend renoviert mit Fenstern und Klappläden
von WERU
Sprossenfenster
Sprossenfenster, das sich zur Straße hin öffnet, wie es um
die Jahrhundertwende üblich war und wie es hier in einem
liebevoll restaurierten Fachwerkhaus eingebaut wurde.
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