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Kitsch und Heimattümelei im Fachwerkbau |
An anderer Stelle wurde schon gesagt , daß das Fachwerkhaus das deutscheste aller deutschen Häuser ist.
Dementsprechend ist es normal, daß bei allen, die Fachwerkhäuser bewohnen, restaurieren oder auch "nur" lieben (z.B. das
Redaktionsteam von "fachwerkhaus.de") ein gewisse emotionale Komponente in Erscheinung tritt. "Fachwerk-Emotionen" sind durchaus
wünschenswert, wenn sie nicht zu Kitsch und Heimattümelei ausarten.
Schlimme Beispiele gibt es in einigen Städten, in denen (über)eifrige Heimat- und Verkehrsvereine und Bauverwaltungen mit schlecht
geschultem Personal Disneyland-ähnliche Auswüchse zu vertreten haben. Es muß nicht jedes Bus-Wartehäuschen im
Pseudo-Fachwerkstil erbaut werden. Und mit der Farbe sind unsere Vorfahren behutsam umgegangen, was man von vielen Hausbesitzern nicht sagen
kann, die Fensterläden eigenwillig und puppenstubenartig bemalt haben. |
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Absoluter Kitsch (Foto oben links) ist an diesem Fachwerk-Anbau auf Burg Wupper in Solingen entstanden. In den
grünen Fensterläden wurden wappenähnliche Ornamente ausgesägt, ein historischer Unfug. Fensterläden kamen
überhaupt erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf, die Ornamente sind offenbar die Erfindung eines Bühnendekorateurs. Schrecklich
die rot-weiße, heraldische Zick-Zack-Bemalung auf den Türen der zweistöckigen Dachgaube, wobei die gesamte Dachgaube in dieser
Form ein mißlungenes Fantasieprodukt sein dürfte. Im übrigen sind rot lackierte Sprossenfenster eher etwas für Designer-,
denn für Fachwerkhäuser.
Oben rechts sieht man nun Fensterläden, die mit gelben Streifen bemalt sind. Das mag in das Designkonzept eines Edel-Restaurants passen,
weshalb man hier nicht von Kitsch, sondern von Edelkitsch sprechen muß - zu einem Fachwerkhaus paßt es jedenfalls nicht. Man
stelle sich bitte vor, der Nachbar würde seine Fensterläden mit roten Punkten und der nächste mit blauen Schnörkeln
versehen - die Geschlossenheit eines Fachwerk-Ensembles wäre dahin. |
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Akzeptabel erscheint diese Fensterladen-Bemalung an einem niederrheinischen Restaurant (oben links). Ganz schrecklich
sind jedoch mitten in die Landschaft gesetzte Pseudo-Fachwerkhäuser (oben rechts) wie jenes einer Fisch-Räucherei, die dem Kunden
suggerieren sollen, hier werde nach altdeutscher Art Fisch geräuchert. Was Markisoletten an einem Fachwerkhaus zu suchen haben, ist im
übrigen eine ganz andere Frage. Wie denn auch die Giebelverbretterung aus halbrund gesägten Paneelen eher zu einem Schweizerhaus,
als zu einem niederdeutschen Fachwerkhaus paßt. |
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Leider gibt es auch Fälle, in denen eine hervorragende handwerkliche Arbeit geleistet wird, das Ergebnis aber
in keiner Weise zu einem Fachwerkhaus paßt - wie bei der nebenstehenden Tür zu sehen ist. In die Bleiverglasung wurden farbige
Wappen eingelassen, was schlicht und einfach kitschig wirkt.
Die schräg eingesetzte Verglasung in den Türfüllungen und die schrägen, im mittleren Bereich trapezförmigen Kassetten
unter diesen Verglasungen passen überhaupt nicht zur klaren Fachwerk-Struktur des Gebäudes. Und die verschnörkelten
Beschläge passen wiederum nicht zu der Türanlage, wie auch die Fenstergitter ein absoluter Fremdkörper an der Türanlage
eines Fachwerkhauses sind. Was ist daraus zu folgern? Im Fachwerkbau ist - wie so oft im Leben - weniger einfach mehr! |
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Schlimmen Kitsch lassen sich die Bauherren von Vergnügungsparks einfallen. Im Europark Rust hat man eine schweizerische Häuserzeile
aufgebaut mit "Riegelhüsli" (Foto oben links), die gerade noch erträglich ist. Ansonsten entspricht das rosafarbene Gebäude
(rechtes Foto oben) keinem historischen Fachwerk-Baustil, vor allem der Dachgiebel ist wohl die freie Erfindung eines Dekorateurs, den man bei
Disneyland entliehen hat. Bei all dem handelt es sich natürlich nicht um echtes Fachwerk, sondern um Aufleistungen. Das wäre noch
nicht einmal das Schlimmste, wenn man wenigstens traditionelle Fachwerkmuster imitiert hätte. Bei den beiden Gebäuden rechts wurde
das "Fachwerk" so auf die Fassade geschraubt, wie es sich der kleine Moritz vorstellen mag. Ein Blick auf eine Ansichtspostkarte aus Goslar
oder Celle hätte genügt, um den Realitäten näher zu kommen. |
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Von außen sieht man ja nicht, wie sich der Besitzer eines Fachwerkhauses einrichtet.
Was die Möblierung deutscher Häuser betrifft, so herrscht die deutsche Eiche noch vor. Das kann gut gehen, das kann aber auch in die
Richtung des "Gelsenkirchener Barocks" abdriften und hinterher so überladen wirken, dass sich der Gast mit Grausen abwendet. In aller
Regel sind die Zimmer in Fachwerkhäusern klein - unsere Vorfahren waren kleiner und kamen eben auch in kleineren Schlafzimmern zurecht.
Man muss die Möblierung eines Fachwerkhauses von der Küche bis zum Schlafzimmer gut planen. Ein helle, moderne Schlafzimmereinrichtung passt unter Umständen besser in die Kammer, als eine rustikale Bettenburg. Auf historischen
Matratzen möchte wohl keiner Schlafen - die bestanden aus einem Sack, der mit Heu vollgestopft war. Aber man weiß ja nie - in zwei
Fachwerkhotels wird auch der Schlaf auf Heu angeboten. Da kann man nur sagen: Auf ein fröhliches Jucken!
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